#2: Ist es okay, kein Kind zu bekommen? (Teil 2)

Die meisten würden vermutlich spontan antworten „Muss doch jeder für sich selber wissen!“ Leider spiegelt sich diese Antwort im Verhalten der Gesellschaft meines Erachtens nicht so oft wider. Wille und Fähigkeit zur Reproduktion scheinen unterschwellig vorausgesetzt zu werden und das kann einen ebenso unterschwelligen, aber enormen Druck auslösen.

Teil 2: Die Kinderfrage im Arbeitsalltag

Die Workshopvorbereitung

Ich hänge große Papierbögen an Pinnwände, lege Stifte und Post-Its bereit. Die Stühle sind schon angeordnet, Getränke wurden gerade geliefert, ebenso wie die Kekse, die es zur Feier des Tages gibt.

Ich sortiere ein paar Unterlagen und Materialien auf dem Moderationstisch, als meine Ansprechpartnerin aus der Abteilung, für die ich heute einen Workshop moderiere, auf mich zukommt. Gemeinsam gehen wir den Ablauf noch einmal durch. Es ist alles bestens vorbereitet, wir freuen uns auf den Tag. Ich will mich jetzt anhand meiner Sprechzettel „einstimmen“, ihr hingegen ist noch nach Plaudern zumute und sicherlich ohne böse Absichten sagt sie: „Du bist dann ja auch bald nicht mehr da!“ Ich kann ihren Gedanken nicht folgen, habe gerade nur noch den Workshop im Kopf. „Äh, wie? Wann? Wo soll ich denn sein?“ Ihr Blick wandert unverhohlen auf meinen Bauch. „Du kriegst doch ein Kind, oder?“ Eieiei, Zündstoff! Einer dieser typischen Fälle von unbedachter Grenzüberschreitung, die an so vielen Orten lauern. Ich glaube, ich höre nicht richtig! Es gibt so unzählig viele Gründe dafür, nicht den flachen Bauch eines 18jährigen Bikini-Models zu haben! Ich enttäusche sie und sage freundlich, aber bestimmt: „Nein. Ich bin laktoseintolerant und konnte gestern Abend nicht anders, als eine Tafel Schoki zu essen.“ Sie verzichtet auf die Chance, sich einen Tipp für eine leckere Schokolade geben zu lassen, murmelt „Ich dachte ja nur“ und ist dann still. Da ich es nicht für meine Aufgabe halte, ihr die Verlegenheit zu nehmen, frage ich sie einfach, ob sie noch Fragen zum Tag hat, ansonsten würde ich jetzt gerne in meine letzte Vorbereitung für die Moderation gehen. Und schon habe ich meine Ruhe.

Wäre das Gespräch jetzt besser verlaufen, wenn die Antwort „Ja“ gelautet hätte? Spinnen wir das mal kurz weiter. Ich wähle dafür bewusst das Worst-Case-Szenario, das so viele Kinderwunschpatientinnen erleben: Ich hätte auf die Frage also mit „Ja“ geantwortet und für den Moment wäre alles gut gewesen. Dann hätte es im weiteren Verlauf (aus welchen Gründen auch immer) einen Schwangerschaftsabbruch gegeben und dann wäre sie mir in ein paar Wochen auf dem Flur – oder noch besser: Im Aufzug – wieder begegnet und hätte gefragt „Ach, ist unser Workshop so lange her? Hast Du Dein Kind schon bekommen?“ Wer wäre in so einer Situation in der Lage, die Fassung zu bewahren?! Und wie hätte sie sich dann gefühlt? Eine verzichtbare Situation für beide Seiten.

Wer die letzte Folge meines Blogs gelesen hat, der kennt meine Haltung schon: Ich bin keine Freundin davon, anderen Leuten ein Gesprächsthema aufzuzwingen, sondern ein bisschen gefühlvoll darauf zu achten, was der Situation gerade angemessen ist und was die Beziehung zu meinem Gesprächspartner erlaubt. Außerdem: Es empfiehlt sich, keine Fragen zu stellen, auf die man die Antwort eventuell nicht verträgt! 

Für Leute ohne Kinderwunsch ist das alles einfach nur nervig. Ist doch die eigene Entscheidung, geht niemanden sonst etwas an. Mit den richtigen Antworten bekommt man das recht gut in den Griff.

Schwieriger ist es für Leute insbesondere mit „akutem“ oder unerfülltem (ggf. auch unverarbeitetem) Kinderwunsch, für die es unglaublich verletzend sein kann, wenn immer wieder an den (oft nicht nur seelischen) Schmerzen und der Trauer gerührt wird, die sie in vielen Fällen verspüren: Warum bin ich alleine? Warum klappt es bei uns nicht? Was ist, wenn es nie klappt? Ist es nicht meine Aufgabe, ein Kind zu bekommen? Was ist, wenn ich nicht rechtzeitig eine*n Partner*in finde? Habe ich versagt? Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen und dreht sich doch nur im Kreis. Die Strapazen einer Kinderwunschbehandlung und die Symptome von Erkrankungen (wie z.B. Endometriose) sind dabei noch nicht einmal im Entferntesten berücksichtigt.

Meiner Erfahrung nach ist mit Empathie durch die Gesellschaft nicht zu rechnen. Es gibt sie bei einzelnen, keine Frage, aber ich würde mich nicht darauf verlassen.

Was können Betroffene tun?

Ein erster Schritt ist es, für sich selber Klarheit zu finden:
Wo stehe ich?
Wie geht es mir damit?
Was für Möglichkeiten habe ich?

Dabei halte ich den Umgang mit Trauer für sehr wesentlich. Phasen des Loslassens (eines Traums, Plans, Wunsches oder Vorhabens) sind oft mit ihr verknüpft und Trauerprozesse sind sehr individuell in Intensität, Dauer und Erscheinungsform. Erzwingen lässt sich da nicht viel; sich in eine dauerhafte Jammerspirale zu begeben hilft allerdings auch nicht.

Trauer hat eine absolute Daseinsberechtigung und muss ihren Raum finden, damit neue Möglichkeiten sicht- und machbar werden.

Der notwendige Raum für Trauer ist im Normalfall nicht bei der Arbeit gegeben. Ich halte es für heilsam, ihn an anderer Stelle zu gewähren, damit der innere Druck nicht zu groß wird. Dabei ist mit Bedacht zu wählen: Ist die Freundin, die selber ein, zwei oder drei Kinder hat, in dieser Phase die richtige Ansprechpartnerin? Ist es die Mutter, die vielleicht regelmäßig den Wunsch nach Enkeln äussert? In beiden Fällen kann es schwierig sein, den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen wirklich nachzuspüren und diese zu formulieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Gegenüber z.B. von eigener Hilflosigkeit oder Wünschen gesteuert ist, ist recht hoch und kann zu Ratschlägen führen wie „Das wird schon, du mußt dich nur entspannen!“. Auch, wenn das ganz vereinzelt stimmen mag: Hilfreich ist es nicht!

Es klingt vielleicht unerreichbar, jedoch hilft es aus meiner Sicht am besten, für sich selber so viel Klarheit in das Thema zu bekommen, dass zunächst insbesondere die folgenden Punkte erfüllt sind:

  • Finde für Dich selber ganz individuell heraus, wie Du mit Deinen Emotionen (einschließlich der Trauer, die immer mal wieder aufleben kann) am besten umgehen kannst, so dass sie sich nicht aufstauen.
  • Auch hilft es zu wissen, wie Du Dir anderweitig Erfüllung ins Leben bringen kannst, wenn ein Plan sich nicht (oder nicht wie gewollt) umsetzen lässt, um nicht in eine „Negativspirale“ zu gelangen, Dich nicht antriebslos bzw. wie im Stillstand zu fühlen oder von Versagensängsten geplagt zu werden. Dabei geht es nicht um „irgendeinen Ersatz“, sondern um eine bestmögliche Befriedigung Deiner Bedürfnisse. Es ist dafür sehr hilfreich, sich die eigenen Werte bewusst zu machen.
    Ziel ist im ersten Schritt eine Verfassung, in der es Dir möglich ist, die Situation ruhig betrachten, den Ist-Zustand akzeptieren und dann die nächsten Schritte entwickeln zu können.
  • Wenn die Situation es erfordert (z.B. wie im oben beschriebenen Arbeitskontext), und eine Aussage wie „Nein, ich habe keine Kinder!“, „Nein, ich will keine Kinder!“ oder „Nein, ich bin nicht schwanger.“ relativ leicht über die Lippen kommt, ohne direkt von Emotionen überwältigt zu werden, ist schon eine Menge erreicht!

Nicht zuletzt sind Entspannungstechniken und Meditationspraxis eine sehr große Hilfe.

Eine gute Nachricht zum Schluss

So sehr es in manchen Phasen anstrengend und nervig sein kann, kinderlos unterwegs zu sein und so sehr die Verzweiflung den Blick auf die nächsten Schritte versperrt: Niemand muss das alles alleine durchmachen! Jede(r) kann sich bestens Unterstützung suchen – sei es durch Gleichgesinnte, Coaches, Freunde, denen man das zutraut, oder Therapeuten.

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