#4: Loslassen – was ist das eigentlich?!

Im Zusammenhang mit „Trauer“ und anderen (Veränderungs-)Situationen, die verwunden werden müssen, lese und höre ich sehr oft „Du musst loslassen“. Nun gehe ich grundsätzlich schon mal gerne auf Abstand, wenn mir jemand anderes sagt, was ich tun „muss“, weil ich das gerne selber entscheide. Unabhängig davon habe ich das Wort „Loslassen“ natürlich auch schon verwendet…

Hier schreibe ich darüber, was „Loslassen“ für mich bedeutet – und ich freue mich, wenn Du mir Deine Gedanken zum „Loslassen“ in die Kommentare schreibst.

Loslassen - was ist das eigentlich?!

Zum „Loslassen“ muss ich erstmal etwas festhalten. Das klingt banal, ich weiß, aber ich finde, es hilft, wenn man sich das bildhaft verdeutlicht. Wenn ich etwas dauerhaft festhalte, bekomme ich Schmerzen oder einen Krampf. Unangenehm.

In vielen alltäglichen Lebenslagen lassen wir ganz automatisch und selbstverständlich los, um Krämpfe zu vermeiden: Die Einkaufstasche wird mal von der einen in die andere Hand gewechselt, wird ein Schrank aufgebaut und es heißt „Kannst Du das mal eben halten“, dann wird auch da irgendwann die Position gewechselt oder eine Pause vereinbart. Das dürfte für die Meisten selbstverständlich sein.

Im Alltag beherrschen wir das „Loslassen“ ganz wunderbar.

Anders sieht es aus, wenn eine eben nicht alltägliche Situation verarbeitet werden muß, wenn eine Veränderung verarbeitet werden muss und/ oder große Trauer sich breitmacht. Wenn nicht die Hände, sondern der Kopf das „Loslassen“ brauchen, damit es keinen „Krampf“ gibt. Oder, wenn schon nicht vermeidbar, dann vielleicht einen, der sich im Rahmen hält.

Was hat es nun mit dem „Loslassen“ im Kopf auf sich? Durch den Sinnspruch „Du musst loslassen“, in unterschiedlichster Weise formuliert und mit hübschen Hintergründen versehen, ist da nicht geholfen. Im Gegenteil, für mich haben diese Sinnspruchbilder in dem Zusammenhang immer einen seltsamen Beigeschmack. Sie geben mir das Gefühl, es ginge darum, die Trauer weniger „loszulassen“ als vielmehr „wegzuschieben“, zu „verleugnen“, „nicht wahrhaben zu wollen“, ein für alle Mal „hinter sich zu lassen“.

Das entspricht nicht meinem Verständnis von „Loslassen“. Mein Verständnis vom Loslassen kann ich am besten anhand des schon erwähnten Einkauftaschenbeispiels erklären. Die Tasche ist dabei stellvertretend für die Trauer. Meistens habe ich die Tasche dabei. Sie ist leer, nimmt kaum Platz ein, aber ich kann auf sie zurückgreifen, falls ich sie brauche. Genauso ist die Fähigkeit zum Trauern vorhanden – auch, wenn ich sie gerade nicht brauche.

In bestimmten Situationen füllt sich die „Tasche“. Egal, ob ich mich beim Einkaufen mit dem zu tragenden Gewicht überschätze oder ob mir (emotional) etwas „aufgeladen“ wird, das ich gerade nicht haben will: Ich lasse doch meine schwere Einkaufstasche nicht einfach irgendwo stehen, weil meine Hand müde wird! Nach dem Motto: Jetzt habe ich ja losgelassen, dann ist ja alles wieder gut! Nein, im Gegenteil: Ich bleibe stehen. Ich lasse los, um dann in besserer Weise wieder zuzugreifen, sprich: damit umzugehen. Loslassen und wieder Zugreifen wechseln sich ab, meine Kräfte werden geschont, der Schmerz bleibt möglichst erträglich und ich bringe meine Einkäufe nach Hause.

Mit der Trauer sollte es sich meines Erachtens genau so verhalten. (Und zwar nicht nur, wenn jemand gestorben ist! Trauer kann in unterschiedlichem Maß bei jeder Veränderung eine Rolle spielen). Nun ist Trauer nicht die salonfähigste Emotion in unserem Kulturkreis, aber das bedeutet nicht, daß sie nicht da ist und nicht Aufmerksamkeit braucht. Und zwar nicht in Form von  „Lach doch mal“ und „Sei doch wieder fröhlich“ oder ähnlichen „Ratschlägen“ (hier wird gerade in schönster Form deutlich, dass „Ratschläge auch Schläge“ sind). Diese Aussagen sind eine „gute gemeinte“ Respektlosigkeit, ein Nicht-Sehen des Gegenübers mit seinen Bedürfnissen. Die ja auch tatsächlich nicht offensichtlich sind. Jede*r Trauernde braucht etwas anderes. Es geht also vielmehr um ein Hilfsangebot. Der oder die Trauernde entscheidet, ob er es annehmen oder ablehnen möchte und was für sie oder ihn wirklich hilfreich wäre.

Loslassen heisst für mich also innehalten, sich sortieren, Kraft sammeln, die Situation betrachten und neue Möglichkeiten des Umgangs mit ihr zu finden. Alles im eigenen Tempo. Herausfinden, was der individuell passendste Weg ist und den dann – auch im eigenen Tempo – beschreiten zu können. Hilfsangebote annehmen oder ablehnen können. Das ist ein Lernprozess. Wie mit der Einkaufstasche kann man sich auch hier unterstützen lassen (natürlich nur von jemandem, der es kann – es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, seine Einkaufstasche von der gebeugten Oma mit Krückstock in der einen und Dackel an der anderen Hand tragen zu lassen, egal wie sehr die eigenen Hände gerade schmerzen und egal, wie sehr sie es anbietet).

Und natürlich: Je größer und schwerer die „Trauertasche“ ist, desto länger muß vielleicht die Pause sein, desto mehr gibt es zu verwinden und desto eher kann es helfen, wenn jemand unterstützt. Und zwar mit dem, was gerade gebraucht wird. Wie schon erwähnt, ist es im Falle von Trauer leider nicht so sichtbar, welche Hilfe gerade die richtige ist, wie es das bei einer abgestellten, vollen Einkaufstasche wahrscheinlich ist, deren Besitzer sich die schmerzenden Finger reibt. Das kann sich zu Unsicherheit beim Hilfswilligen führen, die dann mitunter zu den bereits genannten Sprüchen führt.

Es ist für andere nicht unbedingt sichtbar, was ein Trauernder gerade braucht.

Deswegen kann ich nur ermutigen, zu Fragen und um das zu bitten, was gerade benötigt wird. Auch das gehört für mich zum „Loslassen“: Keiner muss alles alleine können, jeder braucht mal Hilfe. In meiner Erfahrung geht es viel ums Zuhören, ums „einfach da sein“. Das nichts bewertet wird. Aber es können auch andere Dinge sein. Eine vorgekochte Suppe, Hilfe bei der Versorgung des Tiers, etc. Wenn jemand nicht helfen kann oder will, dann nicht aufgeben, sondern weiterfragen. Sich die Hilfe holen, die es braucht, um wieder zu Kraft zu kommen. Damit die eigene Tasche sich gut tragen läßt, ohne zu beschweren.

Viele Grüße,

Mira

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